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"Big" Bill Morganfield
katalog-nr. tx 1047
blues - 1999

Morganfield. Es gibt wohl keinen Blues-Afficionado, der nicht bei diesem geschichtsträchtigen Namen stutzen würde.Treffer! Big Bill ist der einzige musizierende Sproß von Bluesikone Muddy Waters, dem "Vater des Blues", nicht nur Eingeweihten auch als McKinley Morganfield (1915-1983) bekannt und verehrt. Der Familienname bürgt für ein reiches musikalisches Erbe.
Muddy Waters ist auch nach seinem Tod, neben John Lee Hooker und B.B. King der bedeutendste Musiker des elektrischen Blues dieses Jahrhunderts. Er ist und war der grand overlord des Chicago-Blues. Eine zentrale Gestalt der Bluesszene der Nachkriegszeit. Der sympatische Patriarch war mit seinem peitschenden Slide-Stil ein Meister auf seiner Telecaster. (Das gute Stück hängt jetzt im Rock & Roll Hall of Fame Museum, USA) und ein unwiderstehlicher Geschichtenerzähler mit einem rauhen unverwechselbar sägenden Organ, das glaubhaft die Höhen und Tiefen des Lebens vermittelte. Ein außergewöhnlicher Songschreiber & Interpret. Ein begnadeter Liveperformer, ausgestattet mit einem bis ins hohe Alter betörenden Sexappeal. Ein kongenialer Studiomucker, ein superber Bandleader sowie ein besessener Kartenspieler. Die Liste der Musiker, die ihn musikalisch unterstützten, liest sich wie das Who's Who's des Chicago-Blues: Jimmy Rogers, Luther Tucker, Little Walter, James Cotton, Willie Dixon, Memphis Slim, Buddy Guy, Otis Span, Pinetop Perkins um nur einige zu nennen, die in der Muddy Waters Band aufspielten. Die Reihe der Musiker, die Waters beeinflußte, ist ebenso uneingeschränkt. Neben den wechselnden Generationen von Bluesbarden hinterläßt er deutliche Spuren bei den britischen Rockern der 60er und 70er Jahre, sowie bei den zahllosen musikalischen Heißsporen der amerikanischen Oberliga.
Bob Dylan, Eric Clapton, Jimi Hendrix, Jeff Beck, Stevie Ray Vaughan, Robert Cray und natürlich den Rolling Stones (muß man noch erwähnen, daß sie sich nach einem Song von Muddy benannten?). Eine schwere Bürde für einen Newcomer wie William "Big" Bill Morganfield. So ist es vielleicht zu erklären, daß er lange zögerte, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Geboren 1956 in Chicagos Cook Country Hospital wuchs der Kleine bei seiner Großmutter Verdell Clark in Fort Lauderdale, Florida auf. Sein Vater musizierte weit entfernt in Chicago und schien durch ständiges Touren unerreichbar. Doch die Saat war gesät. Mit 4 Jahren tobte sich Klein Bill auf seiner heißgeliebten Plastikgitarre aus, um schließlich mit 11 die High School-Combo zu leiten. Sie daddelten das übliche Zeug: R&B, Soul und Rock 'n' Roll, erprobten sich an Gassenhauern von Marvin Gaye, Rare Earth oder War. Sein Hauptanliegen war jedoch, professioneller Basketballspieler zu werden. Sein zweiter Wunsch, Lehrer, erwies sich bald als realistischer. Nach Abschluß an der Tuskegee- und der Auburn-Universität startete er seine sichere Zukunft als Englischlehrer. Nur selten besuchte er seinen Vater und seine Brüder und Schwestern in Chicago. Nach dem Tod von Muddy Waters Ehefrau Geneva änderte sich jedoch die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Der Kontakt wurde intensiver, und es entstand eine enge Freundschaft. In Chicago hatte der Youngster jedesmal die Möglichkeit, alle großen Namen des heimischen Blues leibhaftig zu erleben. Diese ungewohnte Bindung war der Auslöser für den reaktivierten musikalischen Ehrgeiz des Sohnes. Nicht ohne Stolz und mit väterlichem Rat beobachtete der Bluesheld die musikalische Entwicklung seines talentierten Sohnes. In Atlanta verdiente sich Big Bill seine ersten Sporen bei der Willie Waters Blues Band, um mit jugendlichem Enthusiasmus das heimische Publikum zu begeistern. Mit seinem Talent und seiner Lebensfreude schien er ein würdevoller Vertreter der Next Blues Generation.
Muddys Tod 1983 war der letzte entscheidende Schritt im Lebenslauf dieses Mannes. Er entschied sich für den dornenreichen Weg des professionellen Berufsmusikers im harten Big Business. Der sichere Lehrerjob war Geschichte. Ein gewagter Schritt für den jungen Musiker, bewegte er sich nicht nur auf unsicherem Terrain, sondern er würde auch immer mit dem Erbe seines Vaters verglichen werden. Nur durch regelmäßiges Spielen in düsteren Blueskaschemmen, oft als Vorband für weitaus bekanntere Headliner, konnte er das Handwerk von der Pike auf lernen. Durch diese zahlreichen Gigs konnte "Big" Bill seinen Gesangs und Gitarrenstil verfeinern. Als Sänger war und ist er mit seinen sägenden Vocals ohnehin ein beeindruckendes Original, obwohl er teilweise wie sein Vater klingt. Geprägt von allnächtlichen Proben der Delta Blues-Standards gibt "Big" Bill mit seinem unverwechselbaren Charme den alten Gassenhauern verblüffend neues Leben. Nach einem gemeinsamen Konzert in Atlanta mit Lonnie Mack 1989 vor einem enthusiastischen Publikum war er bereit, mit seinem Talent Bluesstars wie KoKo Taylor, Johnny Winter oder Traditionalist Guy Davis zu begleiten. So verfeinerte er seine noch rohen musikalischen Qualitäten.
Magisch angezogen vom Mississippi Country Blues seines Vorbilds Robert Johnson, gründete "Big" Bill die Stone Cold Blues Band (Mundharmonika, Gitarre und Schlagzeug), um für ein mageres Trinkgeld mit inbrünstiger Leidenschaft Blues-Evergreens aus den 30ern bis 50ern zu interpretieren. Cool und lässig zitierte er die alten Geschichten über Einsamkeit und unerwiderte Liebe. Seine Reputation als fesselnder Live-Act wuchs ständig. Vom Bluescountry des nordamerikanischen Südens über die Juke Joints im Delta zur Beale Street von Memphis bis zur Georgia-Metropole Atlanta. Die Mitwirkung bei dem "Tribute to Muddy Waters, The King of the Blues" im John F. Kennedy Center 1997, vom Fernsehen landesweit übertragen, war bisheriger Höhepunkt in seiner Musikerkarriere. Im Kreise von Allroundroutiniers wie Gregg Allman, Bo Diddley, Buddy Guy, John Hiatt, Keb' Mo', Charlie Musselwhite, Pinetop Perkins u.a. wurde dieser Abend ein unvergeßlich fesselndes Erlebnis für den Vollblutmusiker und gab seinem Werdegang so richtig Zucker.
Mit Anfang vierzig war die Zeit für "Big" Bill Morganfield reif, um im Studio die Musik seines Vaters auf moderne, individuelle Weise fortzuführen. Die Fähigkeit, jeder Interpretation seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, das Bestreben, jedesmal das Beste zu geben, ließen eine starke Persönlichkeit mit dem so eigenen "Big" Bill-Sound erkennen Er ist stolzer Besitzer einiger der seltenen, sehr alten Gitarren seines Vaters. Ein weiteres Lieblingsstück ist der Super Reverb-Verstärker, den Daddy auf seinen letzten Tourneen benutzte.
Nicht nur äußerlich verfügt Sohnemann über das sensible Charisma seines Vaters. Sein Album "Nineteen Years Old, A Tribute to Muddy Waters" spürt die Wurzeln des Delta Voodoo-Blues auf, vermischt sich mit einer Messerspitze Memphis R&B und ist stark gewürzt mit einer hohen Portion "Heavy Chicago Blues"! Auffallend seine enorme Ausdruckskraft als Sänger. Sein Slidespiel ist superb. Unterstützt wird er von Memphis Assen wie Pianist Robert Nighthawk II (sollte er der Sohn von Robert Nighthawk (1909-1967) sein, einem weiteren Genie des Chicago Blues?), Bassist Aram Doroff, den beiden Bandmitgliedern von Memphis-Soulmann Preston Shannon, Al Gamble an der Harmonika und Schlagwerker Darin James. Dann Mr."Steady Rollin'" Bob Margolin, welcher von 1973 bis 1980 fester Gitarrist bei Muddy Waters war und sich in letzten Jahren auch als Solist in der weltweiten Bluesgemeinde einen Namen gemacht hat. Und last but not least Produzent und Gitarrist Billy Earl McClelland aus Alabama, welcher u.a. schon für Delbert McClinton, Bo Diddley, Tony Joe White, Hank Williams Jr. und Dr. Hook arbeitete.
Auf diesem Werk zeigt "Big" Bill sein musikalischstes Gesicht, vom trockenen Deltablues zum geschmeidigen Chicagoblues. Auf Robert C. Guildrys "Why Do People Act Like That" verfällt er sogar in den zwingenden, samtig groovenden Shufflesoul von New Orleans. Diese Platte ist mehr als eine bloße Neuauflage von Muddys Songs, wie die so vieler Blues-Spaghettis der letzten Jahre. "Big" Bill interpretiert Klassiker wie "Rock Me" (ursprünglich geht der Song auf "Rockin' And Rollin'" von Lil Son Jackson aus dem Jahre 1950 zurück, zuerst von B.B. King als "Rock Me Baby" und dann von Muddy Waters 1956 auf Chess-Records als "Rock Me" geadelt), "Rollin' And Tumblin'" (der grosse Hit des Delta-Blues, das erste Mal 1929 von Hambone Willie Newbern aufgenommen, ein Klassiker, der von hunderten von Musikern aus dem Delta und Chicago gecovert wurde, u.a. Sunnyland Slim, Muddy Waters, R.L. Burnside). Außerdem hören wir eine packende Neuauflage der unwiderstehlichen Fleecy Moore-Komposition "Caldonia", zuerst bekannt geworden durch Louis Jordans Adaption von 1944 (dieser Klassiker durfte bei keinem Konzert von Muddy Waters fehlen). Herausragend auch der packende Heuler "Walkin' Blues" von Robert Johnson (1936). Hier können wir einem hervorragend aufgelegten Bill an der Slide lauschen. Dieser Song ist einer der vielen Höhepunkte dieses Albums.
Von den 10 Titeln sind seine vier Eigenkompositionen mehr als vielversprechend, zumal Big Bill noch mehr als 250 weitere Songs im Koffer hat. "I'm A Fool", "Mad Love" und "Child Of Mercy" sind tief geprägt vom dunklen Voodoo-Süden des Deltas, hingegen er auf dem Boogie "Lonesome" groovt, als gelte es, eine Hühnerbatterie auf dem flachen Land zum verschärften Eierlegen zu animieren. Mit großem Selbstvertrauen erweist "Big" Bill der Musik seines Vaters zärtlich seine Referenz. Niemand wird Muddys Platz ersetzen können, aber wenn jemand das Recht hat, ihn würdevoll zu zitieren, dann ist es dieser Haudegen. Souverän und originell bewegt sich der junge schwarze Musiker auf sicherem Terrain - unterstützt von seiner makellos aufspielenden Band. Hier ist der Beweis, daß "Good Old Muddy" in seinem Sohn überlebt. Von einer neuen Hoffnung zu sprechen ist überhaupt nicht angebracht. über dieses Stadium ist "Big" Bill längst hinaus. Kein Titel stürzt ins Mittelmaß. Es bluest, daß es eine Freude ist. Dieses Werk dokumentiert die Reife eines Mannes. Sein Vater würde stolz auf ihn sein.

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