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Walking Wounded
Raging Winds of Time /
Live from the New West

katalog-nr. tx 2040
rock - 1999

"Raging Winds of Time". Ja, das waren sie wirklich, die späten 80er Jahre in Los Angeles und insbesondere in Hollywood, und "The New West", wie die lokale Rockmusik-Szene sich selbst gerne nannte, erzeugte einen mächtigen Wirbel. Viele der ansässigen Musiker hatten seit Anfang des Jahrzehnts die Nase total voll vom gängigen Powerpop der Marke "Knack", und man orientierte sich zurück auf die 60s und deren herrlichen schroffen Garagensound. Es waren keineswegs die Kids, die diese Bewegung vorantrieben, sondern gestandene Musiker aus den verschiedensten musikalischen Lagern. Abgrenzungen gab es nicht. Da spielten Hardcore-Blueser mit Folk-Rockern und Country-Steeler mit Punkern. Bands schossen aus dem Boden, existierten für ein paar Monate oder ein Jahr, veröffentlichten Singles und EPs und verschwanden wieder im Nichts. Musiker wechselten die Formationen häufiger als ihre T-Shirts, und niemand wußte eigentlich genau, wer nun gerade mit wem und wann und wie überhaupt. Selbst David Bianco oder Greg Shaw gaben irgendwann auf, den Überblick zu behalten. Die Bandlandschaft hatte sich verselbständigt.
In diesem ganzen Durcheinander hatte der politisch engagierte und lyrisch sehr begabte Sänger Jerry Giddens aus Louisiana seine Gruppe Walking Wounded gegründet. Sie war weniger auf die Punk-Hooks der 60s, sondern mehr auf klassische Folk-Rock-Muster aufgebaut und operierte zunächst ohne Drummer. Auch sie begannen mit einer Mini-LP im Jahre 1986 ("Walking Wounded"), gefolgt ein Jahr später von "The New West", einer Homage an die aktuelle Hollywood-Gitarrenrockszene und mit zum Teil exzellenten Songs. Der Produktionsstandard war sehr niedrig gewesen, aber die schreibende Zunft in Californien bescheinigte Giddens & Co., die wesentlichen Attribute der gesamten Bewegung auf den Punkt gebracht zu haben. Diese Einschätzung und eine allgemeine Akzeptanz unter der endlosen Schar von Musikern in Hollywood stärkte den Zusammenhalt in der Band und das Engagement ihrer Plattenfirma Chameleon Records. Mit der nächsten Produktion sollte der große Wurf gelingen, der die Band in der ganzen Nation bekannt machen würde. Es herrschte ein Geist wie zu besten "Westcoast"-Zeiten. Giddens hatte Songmaterial ohne Ende. Die Schwierigkeit bestand vielmehr darin, eine Balance zwischen politischer Aussage und kommerzieller Verwertbarkeit zu finden. Natürlich wollte man unbedingt den Erfolg und in die Charts. Aber auf der anderen Seite mußte auch die Glaubwürdigkeit der Band unbedingt erhalten bleiben, schließlich hatte man auch eine sehr große Fangemeinde in East L.A. - etwas ganz besonderes in jenen Jahren!
Als Walking Wounded 1989 ins Studio gingen, um ihre neue LP in Angriff zu nehmen, bestand die Band im Kern aus Jerry Giddens (Gitarre/Gesang), Tom Lillestol (Gesang), Eddie Munoz (Gitarre/Mandoline)/Plimsouls und Roger Prescott (Gitarre)/Pop/Train Wreck Ghosts plus Tony Marsico (Bass) und Chalo Quintana (Drums)/ Plugz/Cruzados als Rhythmusgruppe. Es sollte sich abzeichnen, daß die Rolle des Bassisten und Drummers schon bald vom Ex-Blue Cheer Kent Housman und Ex-Captain Beefheart Robert Williams übernommen würde. Die Aufnahmesessions verliefen chaotisch wie erwartet, nichts hatte einen geradlinigen, straighten Charakter, befreundete Musiker kamen und gingen, machten dies und das, und Giddens nebst Szene-Produzent Jeff Eyrich hatten alle Mühe, das Projekt nicht aus dem Auge zu verlieren. "Raging Winds of Time" war im Spätsommer 1989 fertig, im Oktober war die Platte in den Läden. Es war ein bombiges Album geworden, gespickt mit erstklassigen Balladen und Folk-Rockern. Die Medien hatten ihr Thema, und sie schlachteten es aus. Giddens wurde mit Michael Been von The Call und mit Bruce Cockburn verglichen, die Band mit den Byrds, U2, Tom Petty und The Clash. Es war absolut bizarr und doch irgendwie typisch für Hollywood!
"Raging Winds of Time" wurde auch die Single-Auskopplung des Albums, und sie drehte sich gut - von Chicago bis L.A.. Aber am besten kam sie in Canada an und ging dort in die Top 10! Es schien, als sei alles im grünen Bereich. Es gab seriöse Hinweise darauf, daß die Platte binnen kurzer Zeit Platz 1 in Canada werden könnte und der Funke auf Californien überspringen würde, aber dann das!! Chameleon Records stand im Frühjahr 1990 kurz vor einer Übernahme durch Elektra, und die hohen Herren an der Ostküste wollten eigentlich nur einen Act übernehmen. Und das waren nicht die Gitarrenrocker Walking Wounded, sondern Mary's Danish, eine Combo im Stil von X, nur härter und funkiger. Walking Wounded waren out. Weg. Keinen Support mehr, keine Medienpromotion, keine Bonuspunkte für die Vertreter, ... "Raging Winds of Time" war innerhalb weniger Tage platt gemacht worden. Tot!
Für Jerry Giddens bedeutete das Aus zunächst erst einmal einen inneren Zusammenbruch, auch wenn er sich durch Zweckoptimismus eine gewisse Motivation erhielt und zum Doctor Dreams-Label wechselte, um sein Walking Wounded Lebenswerk zu erhalten. Aber die treibende Energie war raus. Man hatte sogar den Eindruck, als sei durch diesen Vorfall die gesamte L.A.-Gitarrenrockbewegung zum Stillstand gekommen. Die Musikszene in Hollywood war auf Wochen hin wie gelähmt. Nichts ging mehr.Hier kommt er nun noch einmal, der harte, kantige, von Byrds-Gitarren beeinflußte Stoff mit dem Shouter Giddens als Frontman, angereichert durch drei Alternativ-Tracks und einem Live-Konzert, das die Band wenige Wochen nach Erscheinen der Platte im legendären China Club in Hollywood gab.

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