deser island classicsdie desert island classics story #2: Taxim

Wild Seeds
Brave, Clean + Reverent

katalog-nr. tx 2045
rock - 1999

Die Musikszene in Austin, Texas, in den Mittachtzigern war eine überschäumende Brühe von aberwitzigen Experimenten. Da gab es Bands, die spielten eine Kombination von Surf und Blues, andere experimentierten in Richtung Outlaw-Country und Reggae, und wieder andere brachten tragende Roots-Pop und Punk-Strömungen zum Verschmelzen. Die bekannteste der letzteren Gattung nannte sich The Wild Seeds. Ihr Anführer, ein gewisser Michael Hall, liebte Instrumental-Rock und die Punkadelic-Bands der 60s, hatte die Army hinter sich gebracht und als Musik-Journalist gejobt. Ende 1983 hatte er befunden, daß es Zeit für eine eigene Band sei. Wie hunderte vergleichbarer Combos spielten sie auf Parties und in den winzigen Clubs der unmittelbaren Umgebung von der University of Texas. Sie zahlten also ihren Tribut, wie es so schön heißt, denn im Austin jener Tage war das Musikerleben wirklich kein Zuckerschlecken.
Es dauerte nicht lange und Halls Garagenband hatte ihren charakteristischen Sound gefunden. Im Sommer 1984 dokumentierten sie ihn auf einer 6-Track-Mini-LP unter dem Motto "Life Is Grand (Life In A Soul City)". Die heimischen Kritiker und diejenigen in Frankreich und England liebten das Teil sofort und priesen es als den Beginn einer neuen Powerpop-Welle. Kurioserweise oder geradezu symptomatisch für Bands wie die Wild Seeds war jedoch, daß zum Zeitpunkt der Reviews keine käuflichen Exemplare in den Läden standen. Das geschah erst im Januar 1985. Nur - da hatten sich dreiviertel der Gruppe schon aus dem Staub gemacht: Phil Reed, Julia Austin und French Acers existierten nicht mehr in Michael Halls Wild Seed-Truppe. Keineswegs geschockt, machte er sich auf die Suche nach Gleichgesinnten und fand sie im Frühjahr 1985 in Bo Solomon (Lead-Gitarre/Gesang), Steve McCracken (Bass/Lap Steel) und Joey Shuffield (Drums). Shuffield und McCracken hatten Banderfahrungen in Austin und Houston hinter sich, und Bo Solomon aus St. Louis, Missouri, hatte in einer Surf-Band namens Smart Alecks getwangt. Alle drei hatten sie dann noch gemeinsam in einer kurzlebigen Austin-Formation namens Stand Ready gespielt.
Michael Hall selbst spielte Gitarre, Piano und übernahm auch die Rolle des Leadsängers. Ein logischer Schritt, da er auch die meisten der Lieder der Gruppe komponierte. Und hier zeigte sich zum ersten Mal deutlich die Genialität des Michael Hall. Getragen von einer geradezu manischen Musikverrücktheit und der Gabe, die einfachen Dinge des Lebens gekonnt in Worte zu formen, miteinander zu verbinden und sie dann in Knäulform dem Hörer als subtile Rock & Roll-Lyrik zu verkaufen, begann er, die Songs für das echte Wild Seeds-Debutalbum zu schreiben. Er wußte, daß die handwerklichen Fähigkeiten die ausschlaggebenden Dinge der Pop-Musik sind, und von Cole Porter bis John Lennon hatte sich daran nichts geändert. Also wurde geschrieben, geprobt, geprobt und geschrieben und aufgeführt. Bis zum September 1986 zogen sie kreuz und quer durch die USA., traten bei MTVs "The Cutting Edge" und beim New Music Seminar in New York auf und brachten überall ihren Namen schon mal ins Gespräch. Artikel in Spin, Newsweek und Rolling Stone waren die Folge. Dann gingen sie ins Studio und nahmen ihre wohlerprobten Titel auf, darunter den genialen Springsteen-ähnlichen Rocker "Sharlene", der von einer Freundin handelt, die sich als Transvestit entpuppt oder "A Girl Can Tell", das die vielen Lügen in einer Beziehung entblößt. Als alles fertig war, bekam das Album den Titel "Brave, Clean + Reverent".
Während der Aufnahmesessions hatte sich herauskristallisiert, daß das kleine örtliche Roots-Label Jungle Records die Platte herausbringen wollte, und so geschah es dann auch. Jungle leistete gemessen an ihren Möglichkeiten gute Arbeit. Die handwerklich bestens ausstaffierte und für die Zielgruppe optimal auf den Punkt produzierte Platte bekam euphorische Reviews in Billboard, Musician, BAM, CMJ und Cash Box. Als EMI America Austins eine andere Top Band jener Tage, die True Believers, unter Vertrag nahm, bestand berechtigte Hoffnung, daß auch Jungle die Wild Seeds würde bei einem Multi unterbringen können. Doch dem war nicht so. Den großen amerikanischen Plattenfirmen ging es noch zu gut, als daß sie sich mit den von Independent Labels vertriebenen Produkten hätten abgeben müssen. Erst wenn ein Hit unmittelbar bevorstand, schlugen sie zu.
Michael Hall & Co. störte das damals wenig. Sie hatten 'eh personelle Veränderungen vorzunehmen. Bassist Steve McCracken wollte die Band verlassen und konnte durch Paul Swift ersetzt werden. Gleichzeitig kam mit Kris McKay auch wieder eine Sängerin in die Band, was Michael Hall in seiner Rolle als bisheriger Frontman entlastete. In dieser Formation nahmen sie 1987 die Platte "Mud, Lies + Shame" auf, die zunächst ebenfalls bei Jungle, dann aber bei Passport rauskam. Da auch hier eine katastrophale Firmenmißwirtschaft das Business zum Erliegen brachte, war Ende 1988 der totale Stillstand eingetreten. Die Wild Seeds lösten sich auf.
Alle je an dem Wild Seeds Projekt beteiligten Musiker sind der Austin-Musikszene verbunden geblieben, egal ob Kris McKay als Solo-Künstlerin für Arista und Shanachie, Joey Shuffield als Drummer für Fastball oder Michael Hall als charismatischer Songwriter und Journalist. "Brave, Clean + Reverent" hat seinen Platz als eine der bedeutendsten Postpunk/Power-Pop-Platten der 80er Jahre jedenfalls sicher.

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