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Mr. Morning
Furry and Fine


katalog-nr. tx 2068
rock - 2002


Straight Line (70K)
Things Gonna Change (84K)
Go with the Flow (84K)

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lineup
track listing

Jam-Rock - ein Begriff, der immer mehr Interesse findet. Man gebe ihn einmal in einer Internet-Suchmaschine ein und wird unter zahlreichen Adressen ein Netzwerk von und für Musikfreaks finden: überflutende Diskussions-Foren, Tape-Tauschaktivitäten, kurz: Musik-Begeisterung pur. Hier wirken Enthusiasten, deren musikalische Interessen und Vorlieben von der sich immer mehr musikfeindlichen gebärdenden Großindustrie im Grunde gar nicht mehr wahrgenommen werden. Doch bereits seit den frühen neunziger Jahren gibt es das Jam-Rock-Phänomen, und angesichts der Veröffentlichung von FURRY AND FINE, dem CD-Debut der schwedischen Jam-Rock-Band Mr. Morning, scheint es an der Zeit, einige Worte über dieses Phänomen zu verlieren. Mr. Morning knüpfen an eine Rock-Tradition an, die noch immer relevant ist. Sie möchte partout nicht sterben, auch wenn der heutige Musik-Mainstream das vielleicht gerne hätte. Oder kennt ein A & R-Mann der Pop-Industrie heute etwa Namen wie Blues Traveler, Medeski, Martin & Wood, Moe. oder Widespread Panic? Da dürften wohl Zweifel angebracht sein...

Doch zunächst zu Mr. Morning selbst. Schweden sind ja Menschen mit einer Wertschätzung für Understatement. So wird man von den fünf Bandmitgliedern auch keine großmauligen Lobpreisungen auf die eigenen Fähigkeiten hören. "Organische Musik gespielt von echten Menschen" ist das Credo der Band. Im digitalen Zeitalter ist das beileibe keine Selbstverständlichkeit mehr und gleichzeitig ein Hinweis auf das große gemeinsame Ideal der Jam-Bands: Kollektivität. Auch der Bandname Mr. Morning steht in Zusammenhang mit dieser stark emotionalen Vorstellung, dass kollektive kreative Höhenflüge nicht nur stärkere Glücksgefühle bei den Musikern selbst, sondern letztlich auch beim Publikum auslösen. Die Vorstellung über die kollektive Bandidentität ist folgende: Mr. Morning ist ein imaginärer Typ, dessen Geist immer dann in die Musik hineinwirkt, wenn die Band abhebt und "fliegt". Man hat also durchaus einen Sinn für Humor im hohen Norden...

Die Band ist mit Gitarren, Bass, Drums und Percussion zwar konventionell besetzt, doch vor allem die Harmonica von Sänger Ola Kyttä setzt immer wieder individuelle Akzente im Gesamtgeflecht der Musik (wie schon bei Ron "Pigpen" McKernan in den frühen bedeutenden Tagen der Grateful Dead). Entscheidend ist jedoch für Mr. Morning - wie auch für viele andere Jam-Bands - der Faktor der Synthese. Auch wenn sie nicht - wie extreme US-Vertreter des Genres - alles von Bluegrass bis Free Jazz und Worldbeat verwerten, gibt es doch schöne Zusammenführungen von Blues und Reggae, Zappa ("Willie The Pimp") und ausschweifenden Acid-Rock-Improvisationen. Stilistische Diversitäten gibt es allerdings schon bei Mr. Morning - doch werden letztlich alle Elemente unter dem Dach eines sehr homogene Band-Sounds vereint. Dieser fand bereits ein breites Echo bei der europäischen Deadhead-Gemeinde. Für 2003 ist Mr. Morning daher für europäische Deadhead-Conventions gebucht.

Natürlich freut die Schweden das immens, denn Grateful Dead gehören selbstverständlich zum Kanon der Vorbilder und Favoriten für Mr. Morning. In den Anfangsjahren des Jam-Rock-Phänomens hatten die Genre-Bands ja ständig mit Vorwürfen zu kämpfen, man sei eh nur dabei, große Bands wie die Grateful Dead, Quicksilver Messenger Service oder auch Allman Brothers zu kopieren. Diese Vorwürfe sind mittlerweile durch Phish, Widespread Panic oder die Dave Matthews Band eindrucksvoll zum Schweigen gebracht worden, und selbst in esoterischen Jazz-Zirkeln werden die improvisatorischen Höhenflüge der Dead heute mehr gewürdigt als noch zu Lebzeiten der Band (siehe Jazz Is Dead). Kommerziellen Erfolg gibt es heute in der Jam Rock-Welt zuhauf - viel mehr als man sich noch vor einiger Zeit erträumt hätte.

Mr. Morning belasten sich klugerweise nicht mit schwerwiegenden Gedanken zur Rock-Historie und Rock-Zukunft. Ihnen geht es vor allem um den aktuellen Moment, das Hier und Jetzt. So entstehen auch die meisten Stücke der Band in Jams und man nimmt die Live-Situation vor einem Publikum sehr ernst. Doch nicht zuviel davon, denn die Band möchte selbst Spaß haben und auch Spaß bringen. Letztlich entscheiden die fast sprichwörtlichen "good vibrations" über Erfolg oder Scheitern dieser Musik im Live-Kontext. Die Magie eines Konzertes auf CD zu bringen ist ein Unterfangen, an dem schon die Dead etliche Male gescheitert waren, und so ist auch FURRY AND FINE nicht darauf angelegt, alle Facetten eines Gigs von Mr.Morning auf einen Tonträger zu bannen.

Doch auch wenn die direkte Präsenz des so wichtigen Publikums auf dieser CD noch fehlt, vermittelt sich deutlich, warum Mr. Morning im Norden als eine exzellente Jam-Rock-Band klassischen Zuschnitts gelten. "Go with the Flow" - diese Musik fließt, bisweilen in Stücken von bis zu 23 Minuten Länge. Sie inspiriert betagtere Rockfans sicherlich zu Erinnerungen an die Magie vergangener Nächte und Partys, auf denen es vor allem um das gemeinsame Erleben von Musik ging. Jüngere Jam-Rock-Aficionados werden in Mr. Morning adäquate Vertreter einer Musik-Tradition hören, die auch mit Menschlichkeit und einer ungekünstelten Haltung zu tun hat. Einer relaxten Sichtweise der Dinge, die in gewisser Weise im Widerspruch zum hektischen Effizienzdenken der Gegenwart steht. Rockmusik als Medizin gegen den Verlust von Entspanntheit. Diese Musik ist offen, ehrlich, biedert sich nicht an - ein Statement gegen die Oberflächlichkeit. Nie war sie so wertvoll wie heute.

Siehe auch: Homepage von Mr. Morning


lineup


track listing
  1. Straight Line (Mr. Morning) 12:48
  2. Things Gonna Change (Mr. Morning) 5:48
  3. Go with the Flow (Mr. Morning) 4:11
  4. Going Back (Mr. Morning) 13:45
  5. Miss Sunshine (Mr. Morning) 9:12
  6. Junebug (Mr. Morning) 5:32
    Furry and Fine Jam (22:34)
  7. Intro (Mr. Morning) 1:55
  8. Willie The Pimp (Frank Zappa) 5:04
  9. Growing Ugly (Mr. Morning) 2:50
  10. The Sink #1 (Mr. Morning) 2:33
  11. Working Man Sandwich (Mr. Morning) 7:15
  12. The Sink #2 (Mr. Morning) 2:48
  13. Barking Professor (Mr. Morning 5:13



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